Über Ursachen und Bekämpfung der Ölpest im Golf von Mexiko
Posted by toma on 29 Jun 2010 | Tagged as: Veranstaltungen
Am Donnerstag, dem 17. Juni 2010, fanden rund 15 Interessierte den Weg in den Havana Club. Drei Freiberger Professoren referierten im Wissenschaftscafé “”Die größte Ölkatastrophe aller Zeiten?” über Ursachen und Möglichkeiten zur Bekämpfung der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko.
- Der Mikrobiologe Prof. Michael Schlömann erläutert die Abbauprozesse von Rohöl
- Prof. Reich in der Diskussion mit Besuchern des Wissenschaftscafés
- Prof. Matthias Reich, TU Bergakademie Freiberg, ist ein guter Zeichner und Erzähler
- Prof. Dr. Mohammed Amro ist Experte für die Beseitigung von Ölverschmutzungen mit Hilfe mechanischer und chemischer Mittel.
Dass es sich tatsächlich um die mengenmäßig größte Ölkatastrophe aller Zeiten handelt, wie der Titel der Veranstaltung andeutet, klärte zu Beginn Moderator Thomas Muschalle, indem er die Zahlen vergangener Havarien mit denen vom Golf in Mexiko verglich.
Der erste eigentliche Referent Prof. Matthias Reich ist Tiefbohrtechniker an der TU Bergakademie Freiberg. Zuvor hatte er 16 Jahre als Entwicklungsingenieur für das Erdöl-Service-Unternehmen Baker Hughes in Zelle gearbeitet. Er ist ein versierter Zeichner und stellt technische Sachverhalte erfrischend unkompliziert dar (s. auch: “Auf Jagd im Untergrund. Mit Hightech auf der Suche nach Öl, Gas und Erdwärme. Ein Buch von Matthias Reich“). Ohne Beamer und Powerpoint, wie sich das für einen wünschenswerten Einstiegsvortrag im Wissenschaftscafé gehört, skizzierte er die Ölplattform und den Hergang des Unglücks mit Faserstiften an eine Schreibtafel.
Die Ursache der Erdgas-Explosion am 20. April, in deren Folge elf Menschen starben und die Bohrinsel im Meer versank, wobei sie das Steigrohr zur Ölförderung mitriss und zertrümmerte, ist ein mangelhaftes oder ungenügendes Verschließen der kilometerlangen Probebohrung am Grund des Ozeans. Seitdem strömt Öl in großen Mengen an mehreren Stellen aus. Der Versuch, schwere Bohrspülung in das Bohrloch zu pressen musste scheitern, da sich die Flüssigkeit den kürzesten Weg durch das geborstene Steigrohr suchte, das am Meeresgrund liegt.
BP hatte die Probebohrung bei Transocean, der Betreiberfirma der Ölplattform, in Auftrag gegeben. Öl wurde zu diesem Zeitpunkt also überhaupt noch nicht gefördert. Mehrere Betonstopfen hätten das Bohrloch nach erfolgreicher Erkundung verschließen müssen, doch es funktionierte nicht. Die Techniker bemerkten allerdings ein Ansteigen des Gasdrucks. Ob menschliches Versagen jedoch als Ursache des Unglücks gelten kann, ist derzeit noch umstritten (s. dazu taz.de: Untersuchungen zur Ölpest).
Prof. Dr. Mohammed Amro arbeitet am gleichen Institut wie Matthias Reich. Er forscht unter anderem an Mitteln, die Rohöl fließfähiger machen sollen, um es leichter oder überhaupt fördern zu können. Von ihm lernten die Besucher des Wissenschaftscafés, dass es drei Phasen der Ausbeutung einer Öl-Lagerstätte gibt. In der ersten Phase sprudelt buchstäblich das Öl aus der Quelle. Der Mensch muss es nur auffangen und abtransportieren. In Phase zwei beginnt der Fluss zu stocken und der Mensch muss mit Pumpen nachhelfen. Phase drei ist das Spezialgebiet für den Professor: Wie bekomme ich die nach Phase 1 und 2 verbliebenen 70 % einer Lagerstätte heraus?
Prof. Amro wusste anhand zahlreicher mitgebrachter Fotos aus der Praxis zu berichten. So war er persönlich bei einer Ölkatastrophe im persischen Golf anwesend. Auch hatte er Proben von Rohöl dabei und erzählte von den stark unterschiedlichen Eigenschaften, etwa den variierenden Farben von hellbraun bis schwarz, des fossilen Energieträgers.
Den Abschluss des Vortragsteils bildete ein Kurzreferat von Prof. Michael Schlömann, TU Bergakademie Freiberg. Der Mikrobiologe gab einen Ausblick auf die zu erwartende Dauer der Ölpest. Die verschiedenen Mikroorganismen haben sich in den immensen Zeiträumen der Evolution auf der Erde auf jedwede Form der Energiegewinnung spezialisiert. So gibt es auch für die einzelnen Bestandteile des Erdöls Abbauspezialisten. Und: Diese Organismen sind überall verfügbar. Sie müssen nicht durch menschliche Eingriffe vermehrt und angesetzt werden. Für den Abbaufortschritt entscheidend ist, dass die Bakterien an den bevorzugten Stoff auch herankommen. Grobe Ölklumpen sind ungleich schwerer abbaubar als Öltröpfchen. Der Fachmann spricht von Bioverfügbarkeit. Der Begriff beschreibt, wie gut Bakterien an eine Stoffmenge herankommen um diese in chemischen Reaktionen zu verarbeiten, für sich zu nutzen und umzuwandeln.
Bericht und Fotos: Torsten Mayer
Links:
- Bildung von Rohöl (Deutschlandradio Wissen: Hörsaal, Audio-Beitrag)
- Meeresnutzung und Küstenschutz (Deutschlandradio Wissen: Hörsaal, Audio-Beitrag)
- Homepage von Matthias Reich
- Weblog “Forschung” der TU Bergakademie Freiberg: Matthias Reich zur Ölpest im Golf von Mexiko


















